„Einstiegsdroge Ravioli“ oder „Was soll nur aus Kind 2 werden?“

Neulich überkam es mich wieder. Das schlechte Gewissen. Mops und ich hatten gerade zu Mittag gegessen und ich wischte ihr das rot verschmierte Gesichtchen ab. Wir hatten, wie seit ein paar Wochen üblich, unser Essen schwesterlich geteilt. Doch dieses Mal kein ausgewogenes Gericht mit Gemüse, nährstoffreichen Vollkornnudeln und der richtigen Menge gesunder Fettsäuren. Nein! Es gab eine Dose Ravioli und Mini-Wiener!Drei Jahre zuvor undenkbar! Klops bekam mit 10 Monaten doch kein Fertigessen!

Wo sind sie nur alle hin, die Ideale, die man beim Ersten noch so eisern vertreten hat? Es war ja nicht das erste Mal. Als Klops mit wenigen Monaten anfing sich zu den Nachmittags-Kochshows (ich musste ja noch kochen lernen) im Fernsehen umzudrehen, blieb der Fernseher konsequent aus. Babys dürfen doch unter gar keinen Umständen, niemals nicht, auch nur eine Sekunde in diese flimmernde Ausgeburt der Hölle schauen! Wenn Mops dagegen mal wieder spät abends immer noch nicht schlief, schaute sie mit uns „The Walking Dead“.

Was tu ich meinem Kind nur an?! Ich hab die Zukunft schon vor Augen: Klops gesund, lasterlos, studiert und erfolgreich. Und Mops bekifft vorm Fernseher mit einer Dose kalter Ravioli in der Hand. Zugeben, ich übertreibe. Maßlos. Aber meine Gedanken gingen schon in diese Richtung.

Es war Zeit für ein wenig Selbstreflexion: Warum gab ich mir bei Mops weniger Mühe? War mir die Kleine weniger wichtig? Das konnte ich sofort und unumstößlich verneinen, was mich stark beruhigte. Letztlich kam ich zu folgendem Ergebnis: Ich bin einfach wesentlich entspannter. Bei Klops hatte ich von nichts einen (eigenen) Plan. Ich stürzte mich auf jedes Dogma, das meinem Kind eine gesunde, erfolgreiche Entwicklung versprach und mir nicht von vornherein als kompletter Quatsch erschien. Bei all der Schlaf- und Ratlosigkeit blieb auch keine Energie sich was eigenes zu überlegen. Mit der Zeit (ver)zweifelte ich an einigen dieser Vorgaben und fand so meinen eigenen Weg. Vor allem lernte ich, dass man durchaus sinnvolle Regeln, wie zum Beispiel „Babys sollen kein Fernsehen“, auch mal brechen darf, um einen wertvollen Moment Ruhe zu haben und neue Energie zu tanken.

Mit Mops war ich also wieder im Reinen. Plötzlich tat mir die Große leid. In dem Licht kam sie mir wie ein Versuchskanichen vor. Armes Kind! Doch bevor das Kopfkino wieder ausarten konnte, sagte ich mir: „So ist das halt. Jeder ist Kind seiner Zeit und seiner Umstände.“ Außerdem weiß man ja nie wozu so eklatante Erziehungsfehler gut sein können. Vielleicht bricht ja mal eine Zombie-Epidemie aus. Dann kann der Mops dem Klops zeigen, wie man Zombies tötet und Ravioli-Dosen ohne Öffner öffnet.

[ssba]

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