Freier Fall und Reißleine im letzten Moment: Unsere Kita-Eingewöhnung

Sie schläft. Endlich. Dicht an mich gekuschelt, immer noch meine Hand haltend. Ich werde ihre Hand nicht loslassen, mich nicht aus dem Zimmer schleichen und nicht wie sonst meinen Kram erledigen. Ich bleibe bei ihr liegen, heule und versuche meine Gedanken zu sortieren — an unserem ersten Eingewöhnungstag war so ziemlich alles schief gegangen.

Eigentlich liegt diese Szene bereits eineinhalb Jahre zurück. Die Eingewöhnung haben wir hinter uns und Klops liebt den Kindergarten. Doch es hätte auch anders laufen können. Daran musste ich in den letzten Tagen häufig denken, während ich die Eingewöhnungsprobleme bei Frida von 2kindchaos auf Twitter verfolgte. Mein Puls stieg regelmäßig an und so beschloss ich, darüber zu schreiben.

Ich hatte eigentlich ein gutes Gefühl. Sie war damals 2 1/2 Jahre alt. Vor den Sommerferien durften wir einen knappen Monat lang zwei bis drei Mal pro Woche zum Schnuppern kommen. Das ist so nicht üblich, hatte sich aber so ergeben. In dieser Zeit gab es noch keinen Beziehungsaufbau. Sie lernte die Räume kennen und intensivierte die Freundschaft zu einem Mädchen, dass sie bereits kannte. Zu den anderen Kindern und den Erziehern hatte sie kaum Kontakt. Sie war schon immer sehr schüchtern und blieb am liebsten immer bei mir. Trotzdem ließ sie mich schon kurz weggehen, wenn ihre Freundin bei ihr war. Ich machte Witze, dass sie die Eingewöhnung übernehmen könnte. Ich glaubte wirklich, dass es nach den Ferien gut laufen werde.

Ein gutes Konzept garantiert keine gute Umsetzung

Die Eingewöhnung sollte nach dem Berliner Modell ablaufen. In Kurzform: Die ersten drei Tage keine Trennung, die Erzieherin baut eine Beziehung auf. Dann, wenn das Kind es zulässt, gesteigerte Trennungsphasen (mit Rückschritten, falls nötig), das Kind gilt als eingewöhnt, wenn es sich von der Erzieherin trösten lässt, also eine Vertrauensbeziehung besteht. Genauso hatte ich mir das für meinen sensiblen, skeptischen Klops gewünscht. Nach ihrem Tempo und auf der Basis von Vertrauen, nicht von „ich muss mich jetzt damit abfinden“. Alles andere hätte ich von vorne herein abgelehnt. Ich wollte, dass sie gerne in den Kindergarten geht und ich hatte den Luxus, mir die Zeit dafür zu nehmen. Dementsprechend optimistisch machten wir uns nach den Ferien auf den Weg. Auch Klops freute sich.

Es fing damit an, dass wir gar nicht erwartet wurden. Termin und Uhrzeit hatten wir mit der Gruppenleitung ausgemacht. Diese war für drei Wochen zur Kur und die Zweitkraft hatte sich einen eigenen Plan ausgedacht: „Ich wollte erst den Ben* und dann nächste Woche Klops eingewöhnen.“ Aha! Mal abgesehen davon, dass man uns ruhig in diesen Plan hätte einweihen können — es war Mittwoch. Sie plante offenbar drei Tage für die Eingewöhnung des Jungen ein, danach sollten wir an der Reihe sein. Für einen kurzen Moment zuckte da etwas in meinem Kopf, wurde dann aber ganz schnell von dem Vorsatz verdrängt, unter keinen Umständen die Kompetenz der pädagogischen Fachkraft in Frage zu stellen.

Darauf hatte ich mich vorab tatsächlich vorbereitet. Immer wieder bläute ich es mir ein: „Die wissen das besser, als du. Die haben das gelernt. Du bist zu emotional involviert. Die Schwangerschaftshormone machen es bestimmt auch nicht besser. Du musst ihnen vertrauen. Weinen beim Abschied ist oft ritualisiert.“ Nein, ich war fest entschlossen, ich werde keine klammernde Besserwisser-Mama sein, die ausgebildeten Fachkräften ihren Job erklären will. In der Theorie war das ein löblicher Ansatz. In der Praxis ließ es mich meinen gesunden Mutterverstand ausschalten, und endete in einer Katastrophe.

Da wir nun einmal da waren, wollte sich die Erzieherin dann doch der Sache annehmen. Wir sollten nur warten bis der Junge für heute fertig sei. Kein Problem. Ich hatte Zeit. Der Junge ging und sie schickte alle Kinder nach draußen. Klops freute sich und traute sich mit Blickkontakt alleine in den Flur, um ihre Schuhe zu holen. Dort sprach sie sogar ein paar Worte mit der Kitaleitung, was ich nie erwartet hätte. Ich war richtig stolz. Mit der zuständigen Erzieherin hatte sie bisher nicht ein Wort gewechselt. Diese hatte es aber auch nicht wirklich versucht.

Alles in Ordnung mit dem apathischen Kind

Draußen wollten Klops und ihre Freundin auf der Slackline balancieren. Die Sonne schien, die Kinder lachten. Da kam die Erzieherin auf mich zu: „Frau MopsundKlops, Sie müssen langsam mal ans Trennen denken.“ Ich war noch völlig high vom Kinderlachen und meinte fröhlich: „Klar! Sagen Sie mir wann!“ „… ich daran denken soll“, hätte ich noch anhängen sollen. Denn ich bekam ein promptes „Jetzt“ als Antwort. Leicht geschockt, mit meinem Kind an der Hand, dem ich Halt auf dem wackeligen Band geben wollte, überschlugen sich meine Gedanken. Leider gewann der falsche die Oberhand: „Widersprich nicht der Fachkraft!“ Ich ließ also mein Kind, das zum Wohlfühlen eine beschauliche und vorhersehbare Umbegung braucht, auf offenem Gelände mit einer quasi Fremden alleine. Und dann auch noch ohne sie darauf vorzubereiten. Sie wusste, dass sie irgendwann alleine in den Kindergarten gehen wird, aber dass ich sie an diesem Tag alleine lasse, war nicht abgesprochen. Ich ließ sie alleine und brach mein Wort. Super Leistung, Mutter! Während ich das schreibe, frage ich mich ernsthaft, warum ich das damals gemacht habe. Es konnte einfach nicht gut enden.

Etwa zehn Minuten saß ich im Personalraum. Dann kam die Erzieherin durch die Tür. Dahinter mein Klops — völlig aufgelöst und am Schluchzen. „Bis gerade war alles okay“, bekam ich zu hören. Ich nahm mein Kind in den Arm. Sie zitterte. Von wegen alles okay! Es ist nicht zehn Minuten lang alles okay, und plötzlich, wie aus dem nichts, bricht das Kind in Tränen aus. Sie hatte nicht gesehen, welch unglaublicher Stress auf meiner Kleinen in den paar Minuten lastete, in denen sie nichts sagte und nur versuchte nicht zu weinen, bis sie es nicht mehr aushielt. Ja, vielleicht hätte ich ihr vorher sagen sollen, dass sie nicht losschreien wird, wenn es ihr nicht gut geht. Dass sie sich bei Fremden nicht gehen lässt und die Anspannung in sich hinein frisst. Aber hätte sie es sich nicht denken können, als das Kind, das eben noch fröhlich spielte, plötzlich nicht einen Ton mehr von sich gibt? Sollten Erzieher nicht ein Gespür dafür haben, gehört das nicht zur Fachkompetenz? Diese Fragen stellte ich mir später. In dem Moment versuchte ich nur mein verängstigtes Kind zu beruhigen.

Zu dritt gingen wir zum Sandkasten, wo sie „gespielt“ hatten. Ich hielt ein Förmchen in der Hand, auf das Klops wie in Trance eine Schüppe nach der anderen schaufelte, obwohl es bereits mehr als voll war. Währenddessen erzählte die Erzieherin etwas von „morgen dann 5 Minuten länger“ und ich hörte ihr wortlos zu. Viel zu verwirrt, von dem was gerade passiert war und dem apathischen Zustand meines Kindes. Erst als die Erzieherin sich entfernte, hörte sie auf zu schaufeln und kam wieder zu sich. Ich entschied noch zu bleiben, bis sie wieder „normal“ war und wieder fröhlich wurde. Als sie wieder spielte, kam die Praktikantin (im Anerkennungsjahr) auf uns zu und entlockete ihr noch ein paar Worte. Es schien, als sei es nochmal gutgegangen. Sie blockierte nicht völlig, aber sie wich nicht mehr von meiner Seite, nicht einmal zu Hause.

Ende gut, alles gut

Ich war echt fertig. Lag es an mir? Hatte ich, was falsch gemacht? Sie ist doch Erzieherin, sie muss doch wissen, was sie tut. Also muss es an mir liegen. Mein Kopf konnte sich nicht entscheiden, eine Sache musste falsch sein: Die Art der Eingewöhnung, oder meine Annahme, als Erzieherin wüsste sie, was richtig sei. Beides konnte nicht stimmen, und mein Kopf kann Unlogik nicht ausstehen. So ging ich heuelnd die Vorraussetzungen und Annahmen immer wieder durch, um zu einem logischen Schluss zu kommen, der nicht von meinen Emotionen beeinflusst war. Dieser setzte sich durch:

      1. Eingewöhnung nach Berliner Modell (drei Tage nicht trennen)
      2. Trennung nach 30 Minuten unmittelbar nach Ortswechsel
      3. Punkt 1 und 2 widersprechen sich

→die Frau hat keine Ahnung

Nach Absprache mit meinem Mann, teilte ich der Erzieherin am nächsten Tag mit, dass ich die Eingewöhnung erst weiterführen möchte, wenn die Gruppenleitung zurück ist. Dass ich völlig das Vertrauen in sie verloren hatte, sagte ich ihr nicht. Auch nicht, dass ich gerne hätte, dass die Praktikantin Klops eingewöhnt. Warum nicht? Ich denke, ich wollte sie nicht kränken und mehr verunsichern, als sie es schon von Natur aus ist. Ich hielt sie nicht für einen schlechten Menschen. Sie wollte nichts böses. Sie wusste und konnte es einfach nicht besser. Es gibt gute und schlechte Ärzte, gute und schlechte Handwerker und eben auch gute und schlechte Erzieher.

Ich hatte Glück. Die Praktikantin übernahm, zu meiner Freude, von sich aus die Eingewöhnung. Ich vermute ohne Absprache mit ihrer Kollegen. So desaströs der erste Versuch gewesen war, so lehrbuchhaft klappte es mit ihr. Ohne dass wir das besprochen hätten, näherte sie sich langsam an und baute eine Beziehung auf. Ich musste ihr nicht sagen, was Klops für ein Kind ist oder wie sie sich zu verhalten hat. Sie lernte sie selbst kennen. Jetzt wo ich das schreibe, habe ich den „Kleinen Prinzen“ vor Augen, wie er den Fuchs „zähmt“ und sein Freund wird. Es dauerte noch Wochen, bis ich gehen konnte, und bei der ersten richtigen Trennung hatten wir beide Tränen in den Augen. Aber ich wusste diesmal, dass ich gehen kann, weil sie jemand anderen (*heul*) hatte der sie trösten

 

Weitere aktuelle Kita-/Eingewöhnungsbeiträge bei:

maxigöre

Gluckeundso

Auch Fridas Bericht ist jetzt bei 2kindchaos zu finden.

 

*Name geändert.

 

 

[ssba]

One thought on “Freier Fall und Reißleine im letzten Moment: Unsere Kita-Eingewöhnung”

  1. Sehr schöner Beitrag meine Liebe. Und ja, Erzieherin hatte einfach keine Ahnung. Wie leider viele 🙁
    Ich kann mich noch sehr gut an die Situation mit Klops erinnern. Ich freu mich auf Euch! Liebe Grüße aus (inzwischen) Kuala Lumpur.

    Liebe Grüße Ninsch

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