Mein Kind ist krank und ich fahre in den Urlaub

Manchmal frage ich mich, was ich falsch gemacht habe. Was habe ich in meinem Mama-Leben verbrochen, dass mir irgendeine metaphysische Macht ständig meine Urlaubspläne versaut? Oder ist es gar keine Strafe, sondern der sadistische Spaß einer zynischen Gottheit, die sich denkt: „Schaut euch diese dämliche Mutter an! Sie glaubt tatsächlich, dass sie sich mal erholen darf! Vergiss es, Bitch!“ An dieser Stelle folgt diabolisches Gelächter, bevor besagte Gottheit mit Viren und Bazillen nach meinen Kinder wirft.

Vor einem halben Jahr bestand das Ergebnis aus Magen-Darm-Infekt, Bronchitis, Mittelohrentzündung und Mandelentzündung. Zur Erinnerung: Ich habe nur zwei Kinder! Die Chronik der damaligen Ereignisse könnt ihr hier nachlesen. Dieses Mal hat die Gottheit lieber auf Qualität statt Quantität gesetzt. Wahrscheinlich war das Ergebnis im Frühjahr nicht befriedigend genug – schließlich waren wir trotzdem ins Ferienhaus gefahren. Dieses Mal gab es „nur“ Magen-Darm. Erst für Klops, dann für mich und jetzt seit sechs Tagen für den Mops. An Tag 5 waren wir zuerst beim Arzt, der eine leichte Dehydrierung feststellte, es aber für gut befand, dass sie sich nicht mehr übergab. Sie müsse nur gut trinken, dann sei sie bis in zwei Tagen, wenn unser Flieger abhebe, wieder ok — selbstverständlich stellte die Kleine von diesem Moment an das Trinken komplett ein. Also fuhren wir noch am selben Tag ins Krankenhaus.

Dann halt kein Familienurlaub

Heute, einen Tag später und einen Tag vor der Abreise, hatten wir noch die Hoffnung, dass sie wieder gehen dürfe. Es ging ihr besser. Noch etwas schlapp, aber sie machte schon einen auf Diva und stellte Ansprüche an die Verpflegung: Pizza und Salami konnte ich ihr gerade noch Ausreden, aber auf die Butter für ihr Brot bestand sie in Form einer ihrer Wutausbrüche, was mit Zugang und Schlauch noch ein Schwieringkeitslevel höher ist. Dennoch ein Zeichen der Besserung. Solche hatte es nämlich seit Tagen nicht gegeben. Das ich ihr die Butter gab, war laut Arzt jedoch falsch gewesen. Dann solle sie lieber hungern. Der hat leicht reden, er muss den Wutmops ja nicht selbst bändigen. Besagter Arzt zerstörte dann auch sämtliche Hoffnung auf einen Familienurlaub: Mops muss mindestens noch einen Tag bleiben.

Viele Möglichkeiten gab es für uns nicht. Entweder es fliegt keiner oder einer von uns fliegt mit Klops und meiner Mutter, während der Andere mit Mops zu Hause bleibt. Die erste Möglichkeit fiel weg, als wir meine Mutter anriefen, die uns zu dem Urlaub eingeladen hat: Sie hatte keine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen. Für mich war somit klar, dass ich bleiben würde, weil … ja, warum eigentlich? Ich kann es schwer beschreiben. Früher hätte ich es einfach nicht gewollt. Mein krankes Kind alleine lassen? – no way! Ich wollte für sie da sein, wenn sie mich brauchten. Jetzt würde ich es eher als Pflichterfüllung beschreiben. Eigentlich will ich gar nicht, aber ich mache es. Auf diese Weise hatte sich schon jede Menge Frust angesammelt, der mit dem Urlaub abgebaut werden sollte. (Das Thema wäre noch einen eigenen Blogpost wert.) Obwohl ich den Urlaub so herbei sehnte, kam mir nicht der Gedanke, selbst mit der Großen zu fahren: „Eine Mutter gehört zu ihrem kranken Kind, basta!“

Ich will, aber ich kann doch nicht!

Später als Mops am Tropf hängend friedlich in ihrem Krankenhaus-Bettchen lag, rief ich zuhause an. Ohne große Umschweife erklärte mein Mann: „Ich bin dafür, dass du mit Klops und deiner Mutter fliegst.“ Das klang zu gleichen Teilen verlockend und unmöglich. Eine ganze Woche mit Klops (und meiner Mutter) alleine? Die Vorstellung machte mich ernsthaft glücklich. Um ehrlich zu sein sogar glücklicher, als die Vorstellung mit allen zusammen Urlaub zu machen. Es grenzt eigentlich an Unmöglichkeit in einer Woche verpasste Zeit für sich, den Partner und die große Tochter nachzuholen – bloßes Wunschdenken also. Mit Klops und meiner Mutter alleine dagegen könnte es klappen. Natürlich nicht die Paarzeit, aber ich hätte so weniger Druck allen, inklusive mir selbst, gerecht werden zu müssen. Mal eine Woche nicht auf das verzichten, was ich möchte, beziehungsweise jemanden enttäuschen, weil jemand Mops mich braucht.

Also, was tun? Mache ich was ich mir wünsche, oder bleibe ich beim kranken Mops, der mich braucht? Die Antwort schien klar – ich bleibe. Aus Pflichtgefühl wohlgemerkt, nicht aus wahrer Fürsorge, die ist irgendwann im letzten Jahr abhanden gekommen. Aber mein Mann ließ nicht locker. Er sei doch bei ihr. Irgendwie hatte er da recht. Warum sollte es für sie besser sein, wenn ich bei ihr bin? Sie würde zwar zunächst nach mir verlangen, aber wenn ich nicht da bin, ist es mit Papa auch immer schön. Sie würde nicht leiden, da war ich mir sicher. Also stimmte ich zu. Es ist seltsam und traurig, aber es fühlt sich richtig an. Wenn eines meiner Kinder mich braucht, steht alles andere hinten an. Aber ich brauche diesen Urlaub nun dringender und Mops braucht jetzt nicht zwingend mich. Ihr Papa ist bei ihr. In diesem Fall bin ich austauschbar.

Und mit einem Mal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich aus Pflichtgefühl bei ihr bleiben wollte oder weil ich nicht anerkennen wollte, dass selbst ich als Mutter austauschbar bin.

[ssba]

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