Lügen für kurze Beine: Kriegen Eltern keine langen Nasen?

Heute Vor einer Woche stieß ich das zweite Mal auf das Buch „Eine Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von Nina Massek. Der Untertitel macht den Inhalt etwas deutlicher „20 wunderbare Flunkereien, die Eltern das Leben erleichtern“. Auf den Punkt gebracht: Es geht ums Lügen. Ich habe es nicht gelesen (auch wenn es ganz amüsant klingt) und es soll in diesem Blogpost auch gar nicht um das Buch gehen. Es soll darum gehen, welche Frage die beiden Beiträge zu diesem Buch in mir aufgerufen haben — Darf ich meine Kinder anlügen?

Zunächst einmal möchte ich meine Wortwahl korrigieren. Natürlich darf ich meine Kinder anlügen. Soweit ich weiß, gibt es kein Gesetz dagegen. Und nicht einmal die 10 Gebote als moralische Instanz untersagen es. Meine wirkliche Frage lautet: Will ich meine Kinder anlügen? Bisher dachte ich immer, dass ich das nicht will? Heute kam ich jedoch ins Straucheln.

Schuld war die Buchbesprechung zu Besagtem Buch von papadoc auf ichbindeinvater.de. Polemisch zusammengefasst steht dort: klar darf man lügen, man soll sogar, sonst ist man keine coole, kreative Familie, und unhöflich ist man noch dazu. Autsch, das saß! Ich will doch eine coole Mama sein! Und wer unter so nem tollen Blog-Namen postet, kann nur recht haben! Ja, manchmal fühle ich wie ein verunsicherter Teenager, der unbedingt zu den coolen Kids gehören möchte und alles furchtbar ernst nimmt, was diese sagen. Vor allem, wenn ich so furchtbar müde bin. Nehmt meine Reaktion also bitte nicht allzu ernst.

Das erste Mal war ich dem Buch auf stadtlandmama.de begegnet. Das Interview mit der Autorin sorgte bei mir noch nicht wirklich zu einer Reaktion. Wie jeder Leser hoffte ich insgeheim meine eigenen Ansichten zum Thema Lügen bestätigt zu finden. Das war nicht der Fall. Aber hey, in den Kommentaren wird sich doch jemand finden, der sich darüber entzürnt zu Wort meldet. Wieder Fehlanzeige. Alle feierten sich für ihre Lügen und Flunkereien. Dabei störten mich nicht die Christkindlüge, oder die Verzweiflungslüge, damit sich der Sohn nicht während der Fahrt ständig abschnallt. Diese „der Bäcker hat zu“- oder „nein, es gibt keine Schokobrötchen mehr, hat der Bäcker mir gesagt“-Lügen waren es, die einen Hauch von Aggression in mir aufkommen ließen. Zum Glück lähmen solche Gefühle meine Kommunikationsfähigkeit, sonst hätte ich sehr unschön und unfair kommentiert. Das will ich eigentlich nicht.

Tausche Schokobrötchen gegen Vertrauen

Nun hatte ich ein wenig Zeit meinen Verstand wieder einzuschalten. Trotzdem beschäftig mich das Thema immer noch. Ich weiß nicht woher es kommt, aber ich habe eine starke Abneigung gegenüber Lügen. Wurde ich vielleicht als Kind zu oft belogen, damit ich mich nicht schreiend auf den Boden werfe? Zu oft manipuliert, damit ich mache, was ich machen soll? Zumindest sind es diese Art von Lügen, die in mir Zorn aufkommen lassen und die ich meinen Kindern nicht auftischen möchte. Nicht weil ich als Moralapostel päpstlicher als der Papst sein will. Generell habe ich nichts gegen Lügen.

Ich lüge auch. Zu 90 Prozent sind es banale Lügen. Ausreden gegenüber Menschen, die mir nichts bedeuten. „Sorry, das wir zu spät zum Turnen kommen, Mops musste natürlich dann die Windeln voll machen, als wir los wollten. Hehe…“ Tut keinem weh, dem Gegenüber ist’s egal und man selbst fühlt sich besser. (Nur mit der Bibel hätte ich in diesem Fall ein Problem, wegen des „Falschzeugnis“ über Mops.) Es besteht kaum bis gar keine Vertrauensbasis, die gestört werden könnte.Manche Menschen sind mir einfach nicht wichtig genug für die Wahrheit.

Ehrlich sein ist anstrengend und erfordert oft auch Mut. Man stellt sich bloß, wenn man etwas falsch gemacht hat. Verletzt oder enttäuscht jemanden. Oder wenn man Kinder hat, muss man sich über „Warums“ Gedanken machen, die man sich in seiner festgefahrenen Wertewelt gar nicht gestellt hat. Oder es ertragen, dass der geliebte Schatz gleich weint. Lügen ist da einfacher.

Für mich persönlich, aber trotzdem nicht der richtige Weg. Bei Menschen, die mir etwas bedeuten im Allgemeinen nicht, und bei meinen Kindern im Besonderen nicht. Sie vertrauen mir, wie keinem anderen auf der Welt. Dieses Vertrauen möchte ich nicht aufs Spiel setzen, nur weil ich kein Theater wegen Backwaren haben will. Dann kaufe ich lieber ein ungesundes Schokobrötchen, wenn ich gerade keine Lust/ Zeit/ Kraft für ein schreiendes Kind habe.

Subjektive Ängste

Auch wenn das gerade nach einem durchdachten Konzept klingt. Ich habe keine Studien oder Konzepte zu dem Thema gelesen und ich verfolge kein pädagogisches Langzeitziel damit. Vermutlich passiert gar nichts und die Kinder vergessen alles wieder (falls sie es überhaupt merken). Aber es ist tief in mir drin. Ich will nicht angelogen werden*, ich kann mir kein schlimmeres Gefühl vorstellen. Die Enttäuschung, die ich dabei empfinde, das verlorene Vertrauen… Zum Einen möchte ich nicht, dass sich meine Kinder meinetwegen so schlecht fühlen, in erster Linie ist es aber ein egoistischer Grund. Ich will, dass meine Kinder mir vertrauen und sich nicht von mir abwenden, so wie ich es machen würde, wenn ich merke, dass mich jemand ständig belügt.

Heißt das, ich lüge sie nie an? Natürlich nicht. Da sind die Zauberlügen (Christkind, Osterhase) und die indirekten Lügen, beziehungsweise, das Verschweigen gewisser Dinge. Zum Bespiel bringe ich es nicht übers Herz, der Großen zu sagen, dass 99 Prozent ihrer „Kunstwerke“ im Müll landen. Ich hoffe, sie fragt nie nach. Direkt anlügen kann will ich sie nicht.

Letztlich bleibe ich also dabei. Ich will meine Kinder nicht anlügen. Zumindest so wenig wie möglich. Und ich habe meinen Frieden damit gemacht, dass andere nicht so denken. War ja nicht persönlich gemeint. 🙂

 

*Auch aus Höflichkeit nicht. Wenn ich jemanden um seine Meinung bitte, will ich seine Meinung und nicht sein Lob.

 

[ssba]

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