Muttermilch ist das Schönste, das Tollste, das Beste – na und?

Ist das wirklich so? Ist Stillen das Beste für Kinder? Ähm … ja. Zumindest nach heutigem Stand. Wer weiß, was die Wissenschaft noch entwickeln wird, aber bisher gilt: Nichts ist besser auf die Bedürfnisse unseres Nachwuchs abgestimmt als Muttermilch.

Vor einigen Tagen las ich den Artikel „Vorteile für das Kind durch Langzeitstillen“ auf huffingtonpost.de. Darin plädiert Hanna vom Blog Rubbelbatz für mehr Mut zum Langzeitstillen, beziehungsweise zum Stillen nach Bedarf* (im Sinne von Kind stillt sich selbst ab) und hebt die Vorteile für Kind und Mutter hervor. Die Autorin fühlt sich sichtlich wohl beim Stillen, gesundheitlich geht es ihr sogar besser. Sie möchte anderen Müttern Mut machen, sich gegen den gesellschaftlichen Normalfall zu stellen und länger zu stillen als sechs Monate. Ich finde, sie hat Recht. Niemand sollte verurteilt werden, weil er sein Kind – wie lange auch immer – stillt. Was mir an dem Artikel jedoch nicht gefällt, ist, dass Nicht-Stillen als Vernachlässigung dargestellt wird: „So, als wäre mit den ersten sechs bis neun Monaten ‚ihre Pflicht getan‘ und jetzt müssen die Kinder lernen, alleine klar zu kommen.“ Das ist meiner Meinung nach stark übertrieben und baut gesellschaftlichen Druck in die andere Richtung auf.

Ich habe abgestillt, weil ich keine Lust mehr hatte. Den ganzen Tag war ich bei meinem Kind (sowohl bei Mops als auch bei Klops) und wenn mein Mann abends nach Hause kam, hatte ich auch nicht frei. Immer auf Abruf. Der Sport fiel weg und bei gefühlt allem, was ich machte wurde ich unterbrochen. Auf Geburtstagen oder anderen Feiern war das Baby immer dabei und ich oft alleine, damit die Kleine in Ruhe trinken konnte. Nachts verlangte sie teilweise stündlich nach mir. Das heißt eigentlich nicht nach mir, sondern nach meiner Brust. Ich war völlig uninteressant. Für mich hatte Stillen nichts mehr mit Nähe und Liebe zu tun, wenn mein Kind wild nach meinen Nippeln suchte und dabei animalisch grunzte. Viel mehr fühlte ich mich stark an Szenen aus The Walking Dead erinnert. Der einzige Grund weiter zu stillen, wäre für mich der gesellschaftliche Zwang gewesen: ES IST DAS BESTE FÜR DEIN KIND!

Das Beste, das Beste, das Beste

Das beste Essen, die beste Kleidung, die beste Schule, die beste Mutter, das beste Kind, der beste Sarg – ich habe genug von DEM Besten! Ich habe auch nicht immer das Beste bekommen. Es wurde bei mir nach drei Monaten durch Schmelzflocken mit Kuhmilch ersetzt. Und 33 Jahre später lebe ich immer noch ein gutes, wenn auch nicht das beste Leben.

Ich gebe meinen Kindern MEIN Bestes. Und das muss reichen. Hanna hat recht – wir Erwachsenen können unsere Bedürfnisse zurückstellen und Wünsche auf später verschieben. Das habe ich gerne gemacht. Aber irgendwann kam der Punkt, an dem ging es nicht mehr. Ich fühlte mich degradiert und instrumentalisiert, wenn ich stillte. Also habe ich (nach einem missglückten Versuch) endgültig abgestillt. Vor ewigen Zeiten wäre das vielleicht mal ein Todesurteil gewesen – aber heute? Frauen, die abstillen, beziehungsweise gar nicht stillen, setzen ihr Kind nicht wie den lästig gewordenen Weihnachts-Hund am nächstbesten Rastplatz aus und überlassen es ihrem Schicksal.

Mein Beitrag soll nicht gegen das (Langzeit-)Stillen stehen, sondern als Ergänzung daneben. Ich hatte eine schöne, praktische und günstige Stillzeit, die ich nicht eintauschen möchte. Meine Mädels hätten mit Sicherheit gerne weiter gemacht. Aber zum Stillen gehören zwei. Und wenn sich die Mutter gegen das Stillen entscheidet, weil sie sich unwohl fühlt oder keine Lust mehr hat, ist das zwar egoistisch und nicht das Beste, aber sie lässt ihr Kind damit nicht im Stich.

 

Hier findet ihr andere unschöne Stillerfahrungen:

Die Rabenmutti, Ich weiß nicht, ob ich nochmal stillen würde

Verflixter Alltag, Nie wieder stillen — ein Resumee zu meiner holprigen Stillgeschichte

Bei nido.de und zeit.de findet ihr Artikel zum Still-Dogma (wobei ich den Artikel auf Zeit.de persönlich oberflächlich und misslungen finde)

Nido, Das Beste fürs Kind

Die Zeit online, Stillen: Die Milch-Falle

Und hier noch ein Artikel, der meine und Hannas Sicht schön vereint:

Von guten Eltern, Stillzeiten — lang, länger, am längsten

Zum Thema Langzeitstillen und Stillen nach Bedarf findet ihr unter Hannas Artikel eine umfangreiche Lektüreliste.

*Der Einfachheit halber benutze ich im Weiteren nur noch den Begriff Langzeitstillen.

[ssba]

5 thoughts on “Muttermilch ist das Schönste, das Tollste, das Beste – na und?”

  1. Glückwunsch zum Abstillen und zur gewonnenen Freiheit 😉
    Ich denke eine gesunde Portion Egoismus ist wichtig, damit auch die Mutter-Kind-Beziehung gesund bleibt. Zumindest habe ich das so gesehen. Was nützt es, wenn die Kinder trinken dürfen und man selber darunter leidet, eben wegen der von Dir genannten Einschränkungen. Also Glückwunsch zum Abstillen und zu dem neuen Lebensabschnitt, der Dir und Euch nun entgegentritt.
    Du hast auf Dein Herz gehört und somit alles richtig gemacht. Irgendwie schlimm, dass man trotzdem irgendwie ein schlechtes Gewissen bekommt und sich zu rechtfertigen versucht, oder? Mir ging es zumindest so. Also Kopf hoch, (milchfreie) Brust raus und gehe als stolze Mutter voran!
    Ganz lieben Gruß, Wiebke

    1. Danke Wiebke für deinen lieben Kommentar! Eigentlich habe ich schon vor 2 Monaten und mit reinem Gewissen abgestillt. 😉 Du hast es ganz richtig ausgedrückt. Es ist ein neuer Lebensabschnitt. Und ich genieße es sehr, vor allem die Zeit beim Sport und alleine mit meiner Großen. Ich finde, niemand sollte deshalb ein schlechtes Gewissen haben. Deshalb der Post. Wie du sagst: Kopf hoch, milchfreie Brust raus! 🙂
      Liebe Grüße zurück!

  2. Liebe Martina,
    immer schön, wenn sichbeiner traut auch dagegen zu reden!
    Tatsächlich sind manche Formulierungen in meinem Artikel etwas überspitzt ausgedrückt – allerdings nicht, um Druck auf Nicht-Stillende aufzubauen oder ein schlechtes Gewissen zu machen. Deren Entscheidung ist längst gefallen, da werden ein oaar spitze Worte nichts ändern. Vielmehr möchte ich damit allen Müttern, die sich fürs Stillen rechtfertigen mussen – und das sind leider viel zu viele – den Rücken stärken. Mütter, die wie du hinter ihrer Entscheidung stehen, werden sich dadurch kaum oersönlich angegriffen fühlen.

    1. Hallo Hanna,
      danke für deinen Kommentar. Ich hatte nicht das Gefühl, dass du absichtlich Druck machen wolltest, dennoch ist mir besagte Stelle beim Lesen sauer aufgestoßen. Deshalb habe ich den Post aber im Endeffekt nicht geschrieben. Anstoß war mehr dein Post „Alles heile Welt in Bloggerville“, weil darin genau das beschrieben wurde, wie ich deinen Huffington-Artikel wahrgenommen hatte – alles´heile Welt. Ich hatte es leider nicht geschafft zu kommentieren (ich brauche immer ziemlich lange, um meine Gedanken zu sortieren und dann ist der Text schon nicht mehr aktuell). Meine Gedanken waren salopp gesagt: ja, es liest sich wie die perfekte Welt und baut vermutlich Druck bei den Lesern auf, aber wenn es bei dir so ist und du den Fokus auf die schönen Dinge legst, ist das so. Das ist schließlich dein Leben und dein Blog. Für die, bei denen es nicht so gut läuft, gibt es andere Texte. Genau für diese soll mein Artikel sein, um zu zeigen, dass es nicht unnormal ist sich beim Stillen unwohl zu fühlen.
      Lieben Gruß,
      Martina

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