Offener Brief einer Jammer-Mama an Annika von Mama-schreibt.com

Liebe Annika,
leider hat dein Blog keine Kommentarfunktion, deshalb auf diesem Wege.

Zunächst einmal einen herzlichen Glückwunsch zu deiner perfekten, kleinen Familie! Es ist schön, dass dein Kind alleine im Bett einschläft, nachts nur mal kurz den Schnuller braucht, um wieder einzuschlafen und dass du drei Mal in der Woche zum Ausgleich reiten gehen kannst. Ich gebe es gerne zu: Ich bin neidisch. Das hätte ich auch gerne. Aber deswegen schreibe ich natürlich nicht.

Mit Bezug auf deinen letzten Blogpost möchte ich dir klar machen, dass das nicht bei jedem so einwandfrei läuft. Ich bin nämlich auch eine dieser „Jammer-Mamas“, die gerne auch mal Dampf ablassen, um nicht den Verstand zu verlieren. Denn wie @mutterseele99 bei Twitter schrieb:

„Jammern hilft, und Empathie auch!“

Zum Jammern hast du anscheinend keinen Grund, aber das mit der Empathie möchte ich dir gerne näher bringen. Es kann nämlich helfen erst einmal von seinem hohen Ross abzusteigen und über seinen rosa-rot beblümten Tellerrand zu schauen, bevor man über Andere urteilt und ihnen einredet sie würden ihrem Kind schaden. Du hast Sätze gehört wie „ich könnte gerade davon laufen“ oder „gestern Abend habe ich am Kinderbett geweint“ und fragst dich nun, ob du etwas verpasst hast. Die Antwort wird dir nicht gefallen. Aber bitte schön, wer fragt soll auch Antworten kriegen: Ja, du hast etwas verpasst. Circa 15 Monate als Mutter hast du verpasst!

Ich will dir damit jetzt keinen reinwürgen. Ich bin mir sicher, dass du dein Kind genauso liebst und genauso eine Mutter bist, wie die anderen Mütter, die ihr Kind selbst zur Welt gebracht haben. Aber es ist nun mal Fakt, der Teil der die meiste Energie frisst und an deinen Kräften zerrt fehlt dir. Ich möchte nicht mit dir tauschen wollen, es waren einzigartige Erfahrungen, und ich bin froh, dass ich sie machen durfte, aber es ist verdammt hart und verlangt einem alles ab. Es ist nicht der Regelfall, dass man ausgeschlafen, nach einer Stunde Erholungswandern in die Stadt fährt und sein Baby abholt. Die meisten machen vorher 9 Monate Hormon-Achterbahn durch, ihnen ist übel, Wasser lagert sich ein, sie müssen mehrere Kilo mehr mit sich herum schleppen, Sodbrennen, Beckenschmerzen und, und, und. Dann kommt die Geburt. Egal ob natürlich oder per Kaiserschnitt, das kostet weitere Kraft und Energie, die man sich nicht so einfach wiederholt. Und dann? Erholung und Babykuscheln? Nein, dann ist es noch nicht vorbei! Weitere Hormonschübe, Milchproduktion, alle drei bis vier Stunden aufstehen, aber nicht um den Schnuller zu richten und dann wieder ins Bett zuhuschen. Die einen müssen stillen, die anderen ein Fläschchen fertig machen und halbwegs wach bleiben, bis das Kind satt ist. Und dann die Drei-Monats-Koliken. Dein Baby schreit. Es schreit und schreit und schreit. Und nichts hilft. Du willst ihm helfen, aber es geht nicht. Du kannst nur da sein, es im Arm halten und versuchen das Schreien auszublenden. Hättest du in der Situation gesagt: „So Schatz. Dein Kind. Ich gehe jetzt reiten. Das brauche ich jetzt einfach.“? Vor allem stillende Mütter haben bis zum 6. Lebensmonat kaum Chancen auf Regeneration. Und, nein, wir stillen nicht, damit wir einen Grund zum Jammern haben. Wir machen das, weil wir es für das richtige für unser Kind halten.

Mit 6 Monaten fängt es langsam an, dass man sich wieder mehr um sich kümmern kann. Und an diesem Punkt hast du gerade einmal angefangen. Wie gesagt, kein Vorwurf und kein persönlicher Angriff. Ich möchte dir nur vermitteln, dass du deine Situation nicht mit der Anderer vergleichen kannst. Wegen zappelnder Kinder auf dem Wickeltisch steht niemand kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Hast du mal daran gedacht, dass die von dir zitierte Frau, auch einfach das Zimmer hätte verlassen können, um zu weinen, stattdessen aber bei ihrem Kind geblieben ist, das sie anscheinend brauchte. Wir jammern und meckern nicht, weil wir unseren Kindern die Schuld geben oder wir unglücklich sind. Wir bereuen auch unsere Mutterschaft nicht, wir brauchen einfach ein Ventil, weil wir oft einfach am Ende unserer Kräfte sind. Warum wir das vor den Kindern machen? Bestimmt nicht, weil wir daran Spaß haben. Wenn wir genug Zeit ohne die Kinder hätten, müssten wir nicht so viel jammern. Wir sind immer für sie da! Spüren sie es, wenn wir genervt sind? Mit Sicherheit! Fühlen sie sich dann unwohl? Ganz bestimmt! Können sie wissen, dass ich sie trotzdem liebe? Nein, aber sie können es lernen! Denn, sie spüren auch mein Glück, wenn sie mich zum Lachen bringen und meine Freude, wenn sie etwas neues können. Und wenn sie etwas älter sind, kann man es ihnen erklären. Die Welt ist nicht immer Friede-Freude-Eierkuchen und das dürfen meine Kinder ruhig wissen. Du schreibst wir seien „das absolute Vorbild“ für unsere Kinder. Heißt das, dass dein Sohn, dir nie zeigen darf, dass er schlecht drauf ist, oder dass du ihn gerade nervst? Also meine Kinder dürfen das. Gleiches Recht für alle.

Du solltest glücklich und dankbar sein, dass du nicht am Rande deiner Kräfte agierst und nicht jammern musst, statt ungerecht und von oben herab, über die zu schimpfen, die es nicht so leicht haben. Es ist nicht alles mit Ritualen und Liebe zu lösen, wie du es in deinem anderen Post zum Thema Schlafen durchscheinen lässt. Es gibt Eltern die verzweifeln regelrecht an diesem Thema, wovon du ja augenscheinlich schon gehört hast. Die machen nichts falsch, ein Baby funktioniert einfach nicht immer so wie es am besten in diese Welt passt, und Eltern können oft nur raten. Hast du im Übrigen mal daran gedacht, dass dein Baby sich so einfach ins Bett bringen lässt, weil seine Eltern ihn einfach haben schreien lassen? Das funktioniert nämlich auch. Einfach schreien lassen, irgendwann resigniert das Baby und schläft von da an problemlos ein. Würdest du das den Eltern raten? Also ich konnte das nicht. Und nachdem ich deinen Beitrag zum Thema „Verwöhnen“ gelesen habe, glaube ich auch nicht, dass du das übers Herz gebracht hättest. Deshalb noch einmal: Sei froh über dein unkompliziertes Baby und versuche ein wenig mehr Verständnis für jammernde Mütter aufzubringen. Denn der Grund weshalb wir jammern, ist dass wir unsere Kräfte für unsere Kinder einsetzen, sie nicht vernachlässigen und sie deshalb auch nicht zu Pflegeeltern müssen, um Liebe und Fürsorge zu erfahren.

Mit jammernden Grüßen,
Martina

Nachtrag:

Die Autorin hat noch einmal ausführlicher und vor allem konkreter geschrieben, was sie meinte (und ohne Bezug zu regretting motherhood): http://mama-schreibt.com/das-jammern-der-muetter/#more-366 So geschrieben, hätte mich ihr Text nicht derart aufgewühlt.

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13 thoughts on “Offener Brief einer Jammer-Mama an Annika von Mama-schreibt.com”

  1. Richtig. Wer auf sein Baby eingehen will und seine Bedürfnisse respektieren, dessen Kind wird selten nach ein paar Wochen alleine durchschlafen, friedlich im Kinderwagen liegen und sich in einem regelmäßigen Rhythmus melden, weil es Hunger hat. Ausnahmen gibt es natürlich, ich kenne eine, aber die ist ganz schnell ganz still, wenn es um solche Themen geht.
    Auch unser Kleiner war und ist mehr als anspruchsvoll. Den Kinderwagen habe ich heute weggeräumt, das Babybett schon lange und länger als 60 Minuten habe ich diese Nacht nicht am Stück geschlafen. Und das möchte ich auch sagen dürfen. Manchmal bin ich auch müde und kraftlos, so wie heute.
    Trotzdem: Was ich nicht mag, ist diese generelle Jammer-Manier, bei der es oft so rüberkommt, als sei es durch und durch schrecklich, ein Baby zu haben. Das ist wie der Small-Talk über’s Wetter. Irgendwie gewöhnt man sich das an, um dazu zu gehören und am Ende glaubt man es selber. Dabei haben wir uns doch für die Kinder entschieden und unsere Aufgabe ist es, uns um sie zu kümmern. Wenn man sich das hin und wieder vor Augen ruft und dass Kinder eigentlich etwas ganz ganz wunderbares sind, macht es das vielleicht ein wenig einfacher. Jammern werden wir Mamis trotzdem manchmal müssen 😉

    1. Danke, Rubbelmama, für deinen Kommentar. Ich verstehe, was du mit diesem Smalltalk-Jammern meinst. Diesen Punkt hatte ich gar nicht bedacht. Du hast recht. Das muss nicht sein und wirft ein falsches Bild auf das Mutter-Dasein (ich glaube Väter, leiden da eher im Stillen ;-)) Passiert mir, wenn ich ehrlich bin, bestimmt auch mal, dass ich in den allgemeinen Jammer-Kanon miteinsteige.

      Daran hatte ich gar nicht gedacht, als ich den Brief schrieb, sondern mehr an mich vor 3 Jahre bei meinem ersten Kind und die zahlreichen Momente der Verzweiflung, in denen ich mein Kind zu unrecht ‚beschimpfte‘. Ich habe mir vorgestellt, wie sich jetztige Neu-Mütter bei diesem stark pauschalisierten Text fühlen müssen, die nicht schon etwas Abstand zu der ganzen Situation haben, wie ich heute. Und fand es nicht fair ihnen in ihrer Verzweiflung auch noch ein zusätzliches Schlechtes Gewissen zu machen, statt ihnen helfen zu wollen. Das passiert ja nicht böswillig, es passiert einfach. Die Autorin hat nun noch einmal ausführlicher und vor allem konkreter geschrieben, was sie meinte (und ohnr Bezug zu regretting motherhood): http://mama-schreibt.com/das-jammern-der-muetter/#more-366 So geschrieben, hätte mich ihr Text nicht derart aufgewühlt.

  2. Wie wahr! Bei meinem 1. Kind hab ich mich auch gewundert, was die anderen so jammern (und was sie ggf. sogar falsch machen könnten) … Tja, mein 2. Kind hat mir das alles mehr als deutlich gezeigt: jedes Kind ist anders, jede Situation ist höchst individuell. Und ja: So habe ich meine Grenzen sehr, sehr deutlich kennen gelernt. Und wurde auch eine Jammermama, eine geläuterte. Try walking in my shoes – ehe du über mich urteilst!

  3. Hallo Martina,
    jetzt möchte ich mich doch persönlich bei Dir melden. Als erstes: es tut mir wirklich leid, dass du wegen meines Postings nicht geschlafen hast. Ich wollte niemanden verletzten und es tut mir leid, dass du dich persönlich angegriffen gefühlt hast. Ich kenne dich nicht und weiss noch nicht mal wo du wohnst.
    Du hast mich persönlich angegriffen. Aber ok, du warst wohl einfach geladen.
    Wir haben einfach aneinander vorbei geredet. Dass das Leben mit Kindern nicht immer Sonnenschein ist habe ich gar nicht angezweifelt (wie in früheren Blogbeiträgen ersichtlich). Und dass viele Mütter/Frauen Übermenschliches leisten und an ich Grenzen kommen weiss ich. Wenn diese Mütter mal Dampf ablassen ist das richtig und gut und ich höre gerne zu und kann sogar mitweinen. Auch wenn es mir wahrscheinlich keiner glaubt: Empathie kann ich 😉
    Es ging mir um diese Dauernörgler, die schon ins Jammern kommen wenn die Windel zweimal am Tag voll ist. Wie in meinen Beispielen genannt. Oder, dass das Kind schon wieder einen Zahn bekommt. Und dass sich dann irgendwann die Kinder schuldig fühlen ist doch klar: „Mama geht es immer schlecht wegen mir“. Mütter müssen nicht perfekt sein, wie in meinem Geburtstagsbeispiel genannt. Sie wollte es perfekt, am Schluss ging wegen der Perfektion der ganze Geburtstag den Bach runter. Kind und Mutter waren unglücklich. So schade und so unnötig.

    Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt. Wenn nicht reden wir einfach nochmal drüber. So ein Shitstorm ist wirklich nix gescheites 🙂
    Lieber einmal mehr nachfragen ob man alles richtig verstanden hat.
    Alles Gute dir und deinen Lieben
    schonmal einen Guten Rutsch
    Annika

    1. Hallo Annika,

      danke nochmal für deinen Kommentar. Ich hatte mir schon vorgenommen, auf Luma Ris Kommentar auf fb zu antworten. Aber so ist’s besser. Ihr habt recht, ich habe dich persönlich angeriffen, und das würde ich jetzt so nicht noch einmal machen. Einige Passagen waren emotional aufgeladen und unsachlich. Das war für den Kern der Sache unnötig und tut mir leid. (Bei dem „hohen Ross“ konnte ich nicht widerstehen. 😉 Aber auch dafür Sorry.)

      Ich habe überlegt, wie das kam und welchen „Nerv“ du da bei mir getroffen hattest. Es gehört nämlich schon einiges dazu mich derart auf die Palme zu bringen. Dein Post war zwar in der Gesamtheit unglücklich formuliert und aufgebaut, für das was du meintest. Im Grunde aber, denke ich, war ein Satz der Auslöser für meine Emotionen. Das Bild von der weinenden Mutter am Kinderbett, hat Situationen und vor allem Gefühle hervorgerufen, die ich im ertsen Jahr mit meiner großen Tochter hatte, und die mich vermutlich beim restlichen Lesen begleiteten. (Auch beim zweiten und dritten Mal scheinbar noch.) Es ist alles andere als schön, nicht mehr weiter zu wissen und vor seinem Kind in Tränen auszubrechen, weil man nicht mehr kann oder weiter weiß. Ein Gefühl absoluter Ohnmacht. Ich hatte Glück, dass solche Situationen nur vereinzelt aufkamen, andere haben das durchgehend (schau dich mal bei 2KindChaos um, da schrieb jemand letztens darüber). Waren die Gemüter wieder beruhigt (in diesen Momenten kommt man nur schwer daraus) habe ich im Internet nach Rat gesucht. Dort ging es anderen ähnlich oder schlimmer, das hat mich beruhigt, es liegt nicht an mir, ich mache nicht unbedingt etwas falsch. Mit der Zeit wird es besser werden. Ich konnte wieder entspannt weiter machen.

      Wenn ich aber in dieser Zeit deinen Post gelesen hätte, hätte ich vermutlich noch mehr an mir gezweifelt und alles wäre schlimmer geworden. „Nicht nur, dass ich mein Baby nicht zum Schlafen kriege, nein ich heule ihm noch einen vor. Und mache alles noch schlimmer.“ Ich weiß (jetzt), dass du das so nicht gemeint hast. Solche Momente wünscht man Niemandem. Und für mich, und vermutlich für die anderen, die sich aufgeregt haben, klang der Rest deines Post (das zappelnde Baby, die Bitte es nicht vor den Kinder zu machen, und das Reiten) in Kombination mit deiner glücklichen Ausgangslage einfach wie blanker Hohn.

      Ich wollte dir übrigens nicht die Schuld an meiner Schlaflosigkeit geben. Das war schon ganz alleine meine Schuld. Ich habe mir jetzt selbst Social-Media-Verbot vor dem Schlafen gehen erteilt, damit das nicht noch einmal passiert.

      Lieben Gruß,
      Martina

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