Pink, it was love at first sight

Ich traue mich nicht so richtig. Aber es muss raus: Wir haben einen neuen Autositz für Klops. Und…ich weiß nicht, wie ich es sagen soll…er…er ist pink. So, jetzt ist es amtlich. Mein Kind, weiblichen Geschlechts, hat einen pinken Autositz. Und das ist auch gut so.

Beim Verflixten Alltag von Wiebke gab es diesen letzten Monat eine Blogparade zu dem Thema „Alles Gender, oder was?“. Bisher habe ich die Genderforschung nicht verfolgt. Meine Meinung dazu beschränkt sich auf Beobachtungen und Erfahrungen im Alltag und Äußerungen in sozialen Netzwerken. Von denen habe ich mir die Rosinen heraus gepickt, und für mich beschlossen, dass „genderfreie Erziehung“ folgendes bedeutet: Wünsche, Vorlieben und Interessen der Kinder sollten nicht aufgrund ihres Geschlechts bewertet und gelenkt werden. Sie sollen in keine Rollen gezwängt werden und sich frei von geschlechtsspezifischen Zwängen entwickeln können. In einfach: Will ein Junge ein Kleid anziehen, soll er das machen. Spielt ein Mädchen gerne Fußball, sollte sie nicht zum Ballett gezwungen werden.

So könnte ich ohne Einschränkungen zustimmen. Ich unterstütze die Interessen meiner Kinder. Als Klops knapp zwei Jahre alt war, war sie fasziniert von Baustellen und sämtlichen Baumaschinen. Natürlich haben wir in der Zeit keine Prinzessinnenbücher gelesen und keine Einhörner verschenkt. Für den Sandkasten gab es einen Bagger und wir feierten jeden „Plu“ (Betonmischer), den wir sahen. Für mich ist das eine Frage des Respekts. Meine Kinder sind keine Tonklumpen, die ich so formen kann, wie ich gerne wäre. Wenn ich Ballett toll finde, mache ich es selbst. Wenn ich Freude an rosa Spängchen im Haar empfinde, mach ich mir selbst welche rein. Meine Kinder sind keine Vorzeigeobjekte. Sie dürfen so sein, wie sie es möchten, nicht wie ich sie nach Außen präsentieren möchte.

Hexenjagd auf pinke Prinzessinnen

So viel zu meinem „genderfreien“ Ideal. Was diesem nicht entspricht, und was ich nicht (mehr) nachvollziehen kann ist die Verteufelung von Pink, Rosa und Prinzessinnen. Irgendwie sind diese Dinge zum Staatsfeind Nummer eins geworden. Die Einen rechtfertigen kleinlaut, warum ihr Kind Pink oder Rosa trägt (zu denen gehörte ich selbst), die Anderen brüsken sich großspurig damit, dass ihre Mädchen, ja nie so etwas tragen und nicht mit Puppen spielen. Sind letztere die besseren Mädchen, dass man mit ihnen angeben muss? Sind erstere die Schande der emanzipierten Gesellschaft, dass man sich für sie entschuldigen muss? Warum wird alles „typisch Mädchenhafte“ wie eine Krankheit oder ein Entwicklungsrückstand des Kindes behandelt?

Klops liebt Pink und Rosa und steht auf Elsa und Anna. Soll ich ihr trotzdem weiter Bagger und Betonmischer zum Spielen geben? Soll ich ihr pinke Kleider verbieten? Oder schlimmer, hinterrücks verschweigen, dass es den Autositz auch in Pink gibt, obwohl ich weiß, dass er ihr am besten gefallen wird? Sachen verstecken oder wegschmeißen, die sie geschenkt bekommt? Das widerspricht von Vorne bis Hinten meinem Verständnis von Erziehung. Statt mein Kind in eine „veraltete“ Rolle zu zwängen, zwänge ich es in eine „moderne“ Rolle. Der Zwang bleibt, ebenfalls die Rolle, die mein Kind spielen müsste. Bestimmte Farben zu verbieten, finde ich genauso schlimm, wie sie jemandem aufzuzwingen. Das Kind wird zur Projektionsfläche der eigenen Ansichten.

Nun lässt sich einwenden, dass sie das nur wegen der gesellschaftlichen Normen toll findet. Mag sein. Gebe ich gerne zu. Was ist daran schlimm? Ich behaupte, dass die dogmatische Abneigung gegen Pink und Co ebenfalls ein Produkt dieser Normen und keine unabhängige Entscheidung ist. Wir leben nicht in luftleeren Räumen. Wir werden von allen Seiten beeinflusst. Dafür oder dagegen. Diese Entscheidung müssen wir ständig treffen. Die Einteilung in rosa Mädchenwelt und blaue Jungenwelt mag über Generationen hinweg anerzogen sein. Das macht sie aber nicht weniger real. Ich will meinen Kindern zeigen, dass diese Stereotypen nicht die absolute Wahrheit darstellen und sie Menschen, die „anders“ sind, dennoch respektieren sollten. Aber entscheiden, ob sie wie die meisten oder anders sein wollen, dürfen sie selbst.

Aus diesen Gründen bedeutet „genderfreie Erziehung“ für mich auch, dass Mädchen „typische Mädchen“ sein dürfen, wenn sie sich selbst dafür entscheiden. Wie seht ihr das? Habt ihr andere Erfahrungen gemacht? Oder habt ihr vielleicht eine Erklärung für mich, warum nur das Mädchenhafte, nicht auch das Jungenhafte, so verflucht wird? Hinterlasst gerne einen Kommentar. Für mehr Input zu dem Thema, schaut einfach bei Wiebkes Blogparade vorbei.

[ssba]

3 thoughts on “Pink, it was love at first sight”

  1. Liebe Martina,
    da hast Du einen sehr schönen Text geschrieben. Wäre doch schade, wenn er in der Linkparty nicht mehr aufgetaucht wäre 😉
    Ich habe auch versucht unsere „Große“ genderfrei zu erziehen. Sie wurde, bevor sie in den Kindergarten kam, oft als Junge verwechselt, weil wir sie nicht pink kleideten und sie auch so sehr burschikos war. Im Kindergarten änderte sich das dann. Sie sah die anderen Mädchen, fing an sich mit ihnen zu identifizieren und wollte plötzlich, nach fast drei Jahren, doch Kleider tragen. Nun möchte sie Nagellack und pinke Oberteile… Und ich gebe es ihr. Ich passe zwar auf, dass Pink nicht zu dominant wird, aber ich bin ja froh, wenn sie etwas anzieht, was ihr gefällt. Also gibt es auch eine (blaue) Mütze mit Glitzerpunkten oder die rosa Gummistiefel. Hauptsache sie zieht es an und möchte im tiefsten Winter nicht ohne Mütze und Schuhe die Tür verlassen.
    So, jetzt habe ich mich aber verplappert ;-P
    Also lieben Gruß, Wiebke

    1. Hallo Wiebke,
      Freut mich, dass dir mein Text gefällt. Beim nächsten Mal versuch ich’s dann mal pünktlich. 😉 Danke noch mal, dass Du ihn noch aufgenommen hast!
      Bis bald,
      Martina

  2. Na, da hast du doch deine Gedanken recht gut zu virtuellem Papier gebracht. Ich denke wir haben eine sehr ähnlich diplomatische und unaufgeregte Einstellung zum Thema Geschlechter und Klischees…und nochmal Hochachtung für das Durchkämpfeb durch meine vielen Worte zu so nächtlicher Stunde.

    LG Sassi

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