Schnipp, schnapp, Haare ab — Loslassen lernen

Es ist schon eine Weile her, da war ich mit Klops beim Friseur. Das erste Mal mit ihren fast vier Jahren. Ich hatte mir nichts dabei gedacht. Und dann war das Gejammer groß.

Die Mädels hatten einen Termin beim Kinderarzt in Köln, unserer alten Heimat, und ich dachte mir, wenn wir schon mal da sind, könnten wir auch zu meinem Friseur des Vertrauens gehen. Sie sah eigentlich nicht schlimm aus, dafür dass ihre Haare seit ihrer Geburt ungehindert wachsen durften. Etwas zottelig, aber insgesamt  schon wie eine richtige Frisur. Trotzdem hatte ich den Drang, ihr die Haare schneiden zu lassen. Sie war ja noch nie, also musste sie doch mal. Super Argumentation, oder?

Mops schlief netterweise im Buggy, als wir ankamen, also sollten meine Haare als erstes ab. Kurz bevor ich an der Reihe war, fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, was mit meinen Haaren geschehen sollte. Ich ließ mir eines dieser stylischen Heftchen geben, in denen maßlos überschminkte Models Frisuren präsentieren, die kein normaler Mensch im Alltag tragen möchte. Ich wurde trotzdem mehr oder weniger fündig und Klops dummerweise auch. Ihr gefiel ein Bob.

Das hatte ich mir anders gedacht: so wie vorher, stufig und mit Seitenscheitel, nur halt ohne die Babyzotteln am Ende. Ich klärte Klops über die Folgen auf:

– „Die Haare sind dann ab. Du hast dann keine langen Haare mehr!“

– „Aber die wachsen doch wieder nach, oder Mama?“

– „Schon, aber das dauert lange.“

– „Ich will sie trotzdem kurz haben.“

Und so kamen die Haare ab. Der Seitenscheitel blieb, und der Rest wurde auf Kinnlänge gekürzt. Ich fand, es sah süß aus. Kunden und Mitarbeiter waren gleichermaßen entzückt. Klops machte zwar wie immer alles still und leise mit sich selbst aus, aber ich konnte keine Anzeichen von Traurigkeit entdecken. Und auch dem Papa gefiel es.

Jetzt kommt die Wendung! Mein Mann brachte die Kleinen ins Bett. Nach dem stressigen Tag wurde es plötzlich angenehm still um mich herum. Endlich ein wenig ausruhen. Nur kurz der Oma noch das Bild von der neuen Frisur schicken. Als ich mir das Bild ansah, erschrak ich. Das war nicht mein Kind! Es war ein süßes Kind, keine Frage. Aber nicht mehr meins. So ordentlich, so brav! Ein richtiges Streberkind! (Eigentlich passt das schon zu ihr, aber wer gibt das schon gerne zu!?) Was hatte ich da zugelassen? Ich schaute mir die Bilder vor dem Friseurbesuch an. Da war es noch — mein kleines Zottelchen. Dann wieder zurück zum anderen Bild. Nein, Nein, Nein! Das war nicht mein Kind.

Es fühlte sich an, als hätte ich mein Kind verloren. Ohne zu übertreiben (auch wenn ich das sonst gerne mache). Ich hätte heulen können, wenn mir nicht eine leise Stimme gesagt hätte, wie albern das Ganze sei. Auch am nächsten Morgen war es nicht viel besser. Es war seltsam dieser fremde Kopf mit der vertrauten Stimme und den bekannten Albernheiten. Es passte einfach nicht zusammen. Von allen Seiten bekam Klops Komplimente. Aber in meinem Kopf geisterte nur dieser eine Satz: Das ist nicht mehr mein Kind.

Irgendwann mitten in meinem Mantra machte es Klick. Nein, sie war wirklich nicht mehr MEIN Kind. Genau genommen, ist sie es nie gewesen. Sie gehört mir nicht. Sie gehört sich selbst. Ja, ich bin ihre Mutter und sie braucht mich. Aber sie ist kein Teil mehr von mir und sie wird es von Tag zu Tag immer weniger*. Die neue Frisur, war Teil der Abnabelung, wie Laufen lernen, Abstillen, in die Kita-Gehen, Freunde ohne mich besuchen, und so weiter. Dieser Prozess begann mit der Geburt und schreitet seither immer weiter fort.

Ganz schön gemein. Wenn man genau darüber nachdenkt, bedeutet „Kinder haben“ eigentlich sie Tag für Tag weiter gehen zu lassen.

 

 

 

*Ich weiß, dieser Satz ist unlogisch, aber in meiner Gefühlswelt dennoch wahr.

 

[ssba]

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