Mau-Mau-Partie des Grauens — oder: Wie werde ich beiden Kindern gerecht

„Was möchstest du gerne spielen, Klops?“

„Mau-Mau!“

In meinem Kopf hatte es durchaus Sinn gemacht: Ich frage Klops, was sie machen möchte und ziehe es ohne Rücksicht auf Mops durch. Einmal sollte sich die Welt wieder um meine große, genügsame Vierjährige drehen, statt um den trotzenden, lauten, ständig explodierenden Mops.

Am Ende meines Jahresrückblicks für 2015 hatte ich noch optimistisch auf das kommende Jahr geblickt und mich auf mehr Zeit mit Klops gefreut. Immerhin war Mops mittlerweile ein Jahr alt, konnte laufen und das Abstillen stand unmittelbar bevor. Doch stattdessen haben wir nun noch weniger Zeit zusammen. Natürlich ist Mops mit eineinhalb Jahren eigenständiger, dafür ist der „Wut-Mops“ stärker, lauter und unberechenbarer geworden. Mehrfach am Tag geht sie in die Luft. Oft weiß ich nicht einmal wieso:

„Wollen wir etwas lesen?“ — „Ja.“ Sie watschelt los, holt ein Buch, gibt es mir, ich schlage es auf und sie schreit 30 Minuten lang.

Wäre sie mein erstes Kind, würde ich nur noch heulend daneben sitzen oder sie wütend vor Ohnmacht anschreien. In den meisten Fällen schaffe ich es, die Schreiattacken besonnen zu überstehen. Dennoch gehen sie nicht spurlos an mir vorbei. Seit Januar rauscht und summt es in meinem linken Ohr. Ich habe Angst vor ihren Ausbrüchen und merke wie ich bei potentiellen Konflikten bereits vorab innerlich verkrampfe. Und dann und wann schreie ich meine Anspannung auch mal heraus.

Am meisten leidet jedoch Klops unter den Umständen. Sie bekommt zwar nicht die richtigen Wutanfälle ab, dafür entlade ich meinen Stress an ihr. Ich mache es nicht absichtlich. Es passiert einfach, wenn ich auf den kreischenden Mops fokussiert bin und sie mich von der Seite anquatscht. Oder, wenn die Kleine friedlich (!) mit etwas spielt und Klops es ihr wegnimmt, weil es ihr gehört. Wie kann sie es nur wagen den schlafenden Wut-Mops zu wecken??? Ich erwarte viel mehr Verständnis für die Situation von Klops und zum Dank bekommt sie noch weniger Aufmerksamkeit. All die Dinge, die wir letztes Jahr noch machen konnten, während der willenlose Mops, ungelenk über den Boden robbte, fallen jetzt auch weg. Was Klops macht MUSS Mops auch machen, vor allem wenn ich dabei bin. Das ist bei Gesellschaftsspielen und Puzzles leider eher destruktiv.

Mögen die Spiele beginnen

Aber nun gut. Klops hatte sich Mau-Mau gewünscht, also sollte sie auch Mau-Mau bekommen. Würde schon klappen, ich müsse mich nur anstrengen. Multitasking deluxe: Voll konzentriert spielen, Mops beschäftigen und dabei ganz entspannt bleiben. Klops holte das Spiel, Mops bekam zwei Karten zur Beschäftigung und ich fing an zu mischen. Mops‘ Blick wanderte zwischen dem Stapel und den zwei Karten hin und her — Mama hat ja viel mehr Karten! Die will ich auch! Ruhig wehrte ich die grapschenden Händchen ab und machte deutlich, dass es meine Karten seien. Das wurde noch mürrisch hingenommen. Als ich jedoch austeilte und es wagte der großen Schwester die Karten zu geben, die ich ihr verwährt hatte, war es vorbei. Während des darauf folgenden Handgemenges und des markerschütternden Kreischens, versuchte ich geistig die Kontrolle zu behalten.

Bleib ruhig! Das wird klappen. Es gibt eine Lösung. Finde sie! — Ok, erst einmal Mops von ihrer Schwester wegholen.

Ich nahm das schreiende Etwas auf meinen Schoß, redete beruhigend auf sie ein und zeigte ihr aus sicherer Entfernung meine eigenen Karten. Nach ein paar Versuchen, sie mir aus Frust aus der Hand zu schlagen, entspannte sie sich und nahm die Karten in die Hand. Klops legte Banane 4.

Ok, du bist dran. Mops jetzt einfach eine Karte aus der Hand zu nehmen und sie ablegen, kannst du vergessen. Mops muss das selbst machen.

Leichter gedacht als getan! Habt ihr schon einmal versucht einer Eineinhalbjährigen die Mau-Mau-Regeln zu erklären? Es klingt in etwa so (in ruhigem Ton und visuell untermalt mit vielen Zeigefingern und wuselnden Händen):

– Du musst DIE Karte DA hinlegen. … Nein, nicht die! Da: BANANE … BANANE, JA! BANANE … ERDBEERE, NEIN! … DIE hier!

– WÄÄÄÄÄÄHHHH!

Wieder musste ich die Karten von ihr fern halten, dann legte sie Banane auf Banane. Ich war nach Außen ruhig, aber mein Kopf fühlte sich an, als würden zwanzig kleine Männchen in verschiedene Richtungen an meinem Gehirn ziehen und es so auf Spannung halten.

Sie hat es jetzt einmal gemacht, beim nächsten Mal wird sie sich bestimmt nicht so aufregen. Entspann dich wieder!

Die Männchen ließen ein wenig locker. Zumindest die zwei Sekunden bis sich das nächste Drama abspielte: Klops hatte es doch tatsächlich gewagt, eine Karte auf Mops abgelegte Karte zu legen! Kreischen und erneutes Handgemenge um den Ablagestapel waren die Folge. Und die zwanzig Männchen in meinem Kopf zogen wieder mit voller Kraft zu. Ich stellte schnell einen Sicherheitsabstand zwischen Mops und sämtliche Karten her und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die nächste Karte, die sie ablegen konnte. Es funktionierte gut … so gut wie Ablenkungsmanöver eben funktionieren — bis die Auslöser-Situation wieder auftaucht. Wir hatten also genau zehn Sekunden Ruhe, bis Klops die nächste Karte ablegte und das Theater von vorne begann. Natürlich hörte das irgendwann auf, aber leider gibt es bei Mau-Mau in den Augen einer Eineinhalbjährigen zahllose Ungerechtigkeiten:

Infokasten_maumau_kor

Geschafft und gescheitert

Nach vier Runden wollte Klops etwas anderes machen, Mops folgte ihr und ich blieb sitzen und rührte mich nicht. Ich hatte es durchgezogen: Ich hatte mit Klops Mau-Mau gespielt, Mops davon abgehalten das Spiel ins Chaos zu stürzen und war nicht einmal ansatzweise laut geworden. Ich hätte mir ja gerne selbst auf die Schulter geklopft, aber mein ganzer Körper war auf Spannung, ich fühlte mich regelrecht versteinert. Dem aufmerksamen Leser wird außerdem nicht entgangen sein, dass hier etwas nicht stimmt: Warum steht nichts von Klops in diesem Text? Es sollte sich doch um sie drehen. Das hat einen einfachen Grund — ich habe von ihr nichts mitbekommen. Bei der ganzen Aktion war vor lauter Wutmops und Selbstbeherrschung kein Raum für sie geblieben. Es kann sein, dass sie zufrieden war, oder total enttäuscht. Ich weiß es nicht.

Ich war mit meiner Idee gescheitert und jetzt bin ich ratlos. Ich will nicht, dass Klops hinter ihrer extrovertierten, kleinen Schwester verschwindet. Außerdem vermisse ich unsere Zeit zusammen. Ich weiß aber auch, dass Mops diese Aufmerksamkeit im Moment braucht, genau wie Klops sie in dem Alter brauchte, nur leiser und mit weniger Drama. Wird sich das legen? Muss bei euch auch eines der Kinder immer zurückstecken? Wie geht ihr damit um? Ich bin für jede Erfahrung und jeden Rat dankbar!

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